Eine Fechterin im Sitzstreik, niedergeschlagene Bayern, der im Triumph erstarrte Balotelli. Das Jahr 2012 hat gezeigt, dass der Sport nicht unbedingt bewegte Bilder braucht, um zu bewegen. Wohl schafft er Momente für die Ewigkeit, aber kaum Gewissheiten.
sport ist Bewegung. Aber manchmal sind es Bilder der Unbewegtheit von Sportlern, die sich dem Gedächtnis einprägen. Solche Bilder traten uns in diesen Tagen vors innere Auge, beim Grübeln darüber, was vom Jahre übrig blieb. Da saßen wir also, was fiel uns ein? Sitzende Sportler.
Zuerst Novak Djokovic und Rafael Nadal, die in Melbourne nach dem fast sechsstündigen Finale der Australian Open, dem Maximum dessen, was ein Tennisspiel sein kann, nicht mehr stehen konnten - man musste ihnen vor der Siegerehrung Stühle bringen. Dann die vielen Verzagten unter den Spielern des FC Bayern, wie sie in den finalen Minuten des „Finales dahoam“ auf dem Rasen der Münchner Arena hockten und partout keinen Elfmeter schießen wollten - und wie der schon ausgewechselte Thomas Müller auf der Suche nach Freiwilligen auf sie einredete wie auf ein krankes Pferd.
Und schließlich die koreanische Fechterin Shin A Lam, die bei den Olympischen Spielen in London 72 Minuten lang verzweifelt und weinend auf der Planche blieb, unbewegt und tief bewegt zugleich, erst stehend, dann sitzend, schließlich von zwei Kampfrichtern hinuntergedrängt. All das nur, weil sie jene Entscheidung nicht verstanden hatte, die ihr die Gold-Chance raubte und die tatsächlich jede menschliche Zeitvorstellung sprengt: dass nämlich in einer einzigen Sekunde genug Zeit sein soll für drei separate, vom Kampfrichter beendete und neu gestartete Fechtaktionen. Der Anblick der Koreanerin war das Standbild des Jahres: der Beweis, dass Sport keine bewegten Bilder braucht, um zu bewegen.
Natürlich gab es auch den unfassbaren Fallrückzieher von Zlatan Ibrahimovic, ein Wunderwerk menschlicher Motorik; gab es das Meisterstück des modernen Tempo-Kombinationsspiels durch Spanien beim 4:0-Sieg im EM-Finale gegen Italien; gab es die 91 Tore des Lionel Messi, der allmählich aus der Ahnung die Gewissheit macht, dem besten Fußballer der Geschichte bei der Arbeit zuzusehen. Aber selbst im Fußball, einem Sport, der von seiner Dynamik lebt, war der Moment des Jahres einer der größtmöglichen Langsamkeit. Schleppender, behäbiger, desinteressierter kann man zu einem Elfmeter nicht anlaufen, als es Andrea Pirlo im Elfmeterschießen des EM-Viertelfinales gegen England tat. Es wagten schon andere im entscheidenden Moment den Lupfer in die Mitte des Tores, einst vom Tschechen Antonin Panenka berühmt gemacht. Doch keiner tat das je mit solch lässiger Grandezza wie dieser Maestro des Schlenderns und Schlenzens.
So groß war Pirlos Wirkung, dass Bundestrainer Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft nach einem Weltrekord von 14 Siegen in 14 EM-Spielen (zehn in der Qualifikation, drei in der Vorrunde, einem im Viertelfinale) im Halbfinale taktisch völlig auf den italienischen Spielmacher ausrichtete - und sich dabei selber ausspielte. Am Ende hatte Deutschland 14:0 Ecken, aber keine führte zu einem deutschen Tor, nur führte eine zu einem italienischen, dem 0:2 - und Mario Balotelli machte den Gorilla, noch so ein Standbild fürs Poesiealbum 2012.
Wie immer rief das Scheitern dieser nationalen Instanz, des Nationalteams, kuriose Erklärungsmuster auf den Plan. Die einen fanden, dass die Italiener ihre Hymne hingebungsvoller gesungen und deshalb gewonnen hätten. Die anderen erklärten die Niederlage als sportlich schmerzliche, aber politisch wichtige Hilfsleistung für das unter finanziellen Einschnitten ächzende Südeuropa. Schließlich schien im Frühsommer die Zukunft Europas ständig auf der Kippe zu stehen, ehe Europa das Interesse an seiner eigenen Rettung danach mehr und mehr verlor. Vielleicht auch, weil der Sportsommer ein besseres Programm bot als die rituelle Rettungsroutine der Griechenland-Gipfel?
Denn im Sommer hat Europa es der Welt gezeigt - gezeigt, was so nur der alte und manchmal doch ziemlich junge Kontinent kann. Die Briten machten eine uralte griechische Idee fit für die Zukunft. Nicht, dass Olympia jemals ein Problem gehabt hätte, packende Wettkämpfe, rührende Geschichten und neue Nationalhelden zu produzieren - auch diesmal war das wieder so, aus deutscher Sicht vom majestätischen Ruder-Achter über den riesigen Werfer Robert Harting und den schmächtigen Turner Marcel Nguyen bis zu den auf einen Schlag populärsten Sandmännchen Deutschlands, den Beachvolleyballern Julius Brink und Jonas Reckermann. Aber das Besondere an den Spielen von London und an den ebenso gelungenen Paralympics war, dank brillanter Organisation und des weltbesten Sportpublikums, etwas anderes: dass Olympia es schaffte, sich neu zu erfinden. Es waren die heitersten, lockersten Spiele, die im Jahrhundert des globalen Terrorismus möglich sind.
So hat der Sport sich 2012 durchaus über die eigenen Grenzen hinaus nützlich gemacht. Und der Politik gezeigt, wie man mit Problemen umgehen kann. Zum Beispiel, wie man eine menschliche Eigenschaft, die noch gestern als Auslöser der globalen Finanzkrise galt, in jedermanns Liebling verwandelt: die Gier. Als die Finanzmärkte krachten, brachte die Gier uns an den Abgrund. Seit die Fußballmärkte boomen, sorgt sie für Begeisterungsstürme. Als Erster besetzte Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund den Begriff, nun kopieren ihn alle, allen voran die Konkurrenz aus München. „Gieriger, galliger“ sei sein Team nun, erklärte Jupp Heynckes die herbstliche Bayern-Dominanz nach der Frühlingsdemütigung durch die Dortmunder. Die Gier hat die Philosophie als Leitbegriff unter den Fußball-Floskeln abgelöst. In diese Diktion passt auch das neuerdings modische Herunterschrauben hygienischer Anforderungen, sofern man nur gewonnen hat: Das heißt dann „dreckiger Sieg“ und soll ein Kompliment sein.
Mal sehen, wie lange diese Begriffe diesmal positiv besetzt bleiben. Schließlich waren Gier und Galligkeit und dreckige Siege ja auch das, was Lance Armstrong zum einst meistbewunderten Sportler der Welt gemacht hat. Nun ist er der meistbeschimpfte. Das Foto, das er nach seiner juristischen Demontage trotzig in die Welt lancierte, im Liegen die sieben Siegertrikots der Tour de France betrachtend, war auch eines der Bilder des Jahres - die Pose eines Mannes, der etwas Besseres sein wollte und doch nur ein Unverbesserlicher wurde. Hat er einer ganzen Sportart den Rest gegeben? Im Eiltempo ist der geplagte Radsport in diesem Jahr auf dem Weg nach ganz, ganz unten in der öffentlich-moralischen Wertschätzung durchs Kellergeschoss, wo das Preisboxen wohnt, bis in die Kanalisation gerauscht.
Vielleicht wäre alles ja anders gekommen, wenn Armstrong zufällig nicht Amerikaner, sondern Deutscher wäre? So wie Jan Ullrich, der seinen Tour-Sieg von 1997 trotz seiner Verurteilung als Doper vor dem Internationalen Sportgerichtshof in diesem Jahr behalten durfte? Ein ketzerischer Gedanke, aber kein sehr gewagter: Mit deutschem Pass wäre ein Armstrong wohl immer noch siebenmaliger Tour-Sieger. Weil er dann aus einem Land käme, in dem man das alles nicht so genau wissen will. In dem der Staat sich heraushält aus dem Doping-Sumpf. Und in dem man die Ineffizienz eines Doping-Kontrollsystems, das nur die Dummen erwischt, als Beweis von Sauberkeit ausgibt.
So bleibt, wie eigentlich immer am Ende eines Jahres, nichts, was Klarheit schaffen könnte. Nur eine doppelte, ja doppelbödige Bilanz: dass der Sport wie eh und je Momente für die Ewigkeit schafft - aber kaum noch Gewissheiten, die den Tag überdauern.






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