Die türkische Regierung frisst Kreide: Die Polizei zieht sich vom Istanbuler Taksim-Platz zurück. Aber die Wut gegen Erdogan wächst bei den Demonstranten. Neue Proteste sind im Gange
Der angesehene Kolumnist Murat Yetkin schrieb, das die Order für den Polizeirückzug nicht von Erdogan und nicht vom Istanbuler Bürgermeister gekommen sei, sondern von Staatspräsident Abdullah Gül. Er ist der Gewinner der Krise: Das Image des allmächtigen Erdogan ist unwiderruflich zerstört, er ist ab sofort ein politisch verwundeter und weiter verwundbarer Mann. Gül aber könnte die Regierungspartei AKP retten – wenn er Erdogan höflich beiseite drängt.
Es war eine gespenstische Rede, die der türkische Ministerpräsident am Samstag vor Parteiangehörigen hielt. Wie von jemandem, der die Realität nicht mehr erkennen kann. Die Menschen, die seit Tagen gegen ihn demonstrierten, seien "extreme Gruppen", sagte Recep Tayyip Erdogan. Und sie sollten es nicht wagen, mit ihm zu wetteifern: "Wenn sie 200.000 Menschen bringen, kann ich eine Million auf die Straßen bringen."
Kaum eine Stunde später waren wirklich mehr als eine Million Menschen auf den Straßen. Aber es waren nicht seine. Sie riefen alle: "Erdogan, verschwinde". Wenn sie "extreme Gruppen" waren, müssen extreme Gruppen einen erheblichen Anteil der Bevölkerung des Landes stellen.
Zu dem Zeitpunkt, sehr kurz nach Erdogans Rede, hatte irgend jemand plötzlich ein Ende der Polizeiaktionen befohlen. Und zwanzig Minuten später kam aus seinem Amt ein Schreiben an Journalisten, das Erdogans schärfste Äußerungen in seiner Rede zu relativieren versuchte. Vor allem bestehe er nicht darauf, das Bauprojekt, das die Proteste ausgelöst hatte, durchzuführen: Der Gezi-Park am Taksim-Platz bleibe erhalten, er werde eigentlich ausgeweitet.
Gewinner ist Staatspräsident Gül
Der angesehene Kolumnist Murat Yetkin schrieb, das die Order für den Polizeirückzug nicht von Erdogan und nicht vom Istanbuler Bürgermeister gekommen sei, sondern von Staatspräsident Abdullah Gül. Er ist der Gewinner der Krise: Das Image des allmächtigen Erdogan ist unwiderruflich zerstört, er ist ab sofort ein politisch verwundeter und weiter verwundbarer Mann. Gül aber könnte die Regierungspartei AKP retten – wenn er Erdogan höflich beiseite drängt.Der Ministerpräsident ist nun ein Magnet für Volkszorn, und der Rückzug der Polizei vom Taksim-Platz ändert daran nichts: In den frühen Abendstunden machten sich die noch siegestrunkenen und feiernden Demonstranten daran, den Platz zu befestigen. (Die wohl bizarrste aller Fahnen der Istanbuler Proteste war dabei eine schwarze Totenkopfflagge mit der Aufschrift "St.Pauli.")
Offenbar wollen die Demonstranten den Taksim-Platz oder zumindest den Gezi-Park besetzt halten, als ein Zentrum ihrer Proteste gegen das "Regime", wie einst der Tahrir-Platz in Kairo oder der Syntagma-Platz in Athen.
Derweil kam es weiter unten am Bosporus zu weiteren schweren Schlachten zwischen Polizei und Demonstranten, in Besiktas, wo Erdogan sein Istanbuler Büro hat. Die Polizei feuere Tränengasgranaten ab, berichteten Aktivisten im Internet. Auch türkische Medien berichteten über den Polizeieinsatz. Demonstranten hätten einen Polizeiwagen angezündet.
Demonstranten bunt gemischt
Auch in Ankara kam es zu schweren Protesten und Auseinandersetzungen, und in einer ganzen Reihe von Städten zu Solidaritätsdemonstrationen. Die Regierung hat mancherorts deswegen einen schweren Stand, weil sie am Samstag gezwungen war, starke Kontingente aus anderen Städten abzuziehen, um sie nach Istanbul zu bringen. Per Flugzeug.
Die gesamte Istanbuler Innenstadt war am Samstagabend schwer verwüstet und es war nicht klar, was die nächsten Tage bringen werden. Die Proteste gegen die Regierung sind jedenfalls nicht abgeflaut, das Selbstbewusstsein der Demonstranten aber enorm gestiegen. Sie sind überwiegend jung und haben von der Regierung die Nase voll: Es sind linke Gewerkschafter, Liberale, Nationalisten, Säkulare, Anarchos, Musiker.
Es gibt keine lenkende Kraft, obwohl die Oppositionsparteien die Bewegung zu kapern versuchen und Erdogan das zu fördern scheint: Die etablierten Parteien im Parlament haben keinen besseren Ruf als er selbst und manche der NGOs, die die Demonstrationen mit gestalten, fürchten, dass eine Übernahme der Proteste durch Politiker das Ende der Bewegung wäre.
Im ganzen Land hat die Polizei bei der Protestwelle bei 90 verschiedenen Demonstrationen insgesamt 939 Menschen festgenommen. Viele wurden davon bereits wieder freigelassen, sagte Innenminister Muammer Guler. Insgesamt seien 79 Menschen verletzt worden.

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